Mentalfutter

Ehrlich

Dieser Beitrag liegt mir sehr am Herzen. Es gibt ein paar Eigenschaft, die mich ziemlich treffend beschreiben: „ehrlich“, „direkt“, oder „offen“. Schon des Öfteren ist mir eine Aussage „ausgekommen“, weil mir von klein auf vor allem beigebracht wurde, nicht zu lügen. Prinzpiell werden wir aber eher dazu erzogen, ständig zu flunkern. Wir haben uns daran gewöhnt, nicht ganz die Wahrheit zu sagen. Wir sagen, dass uns etwas gefällt, obwohl uns etwas nicht gefällt. Wir lächeln in Situationen, in denen uns nicht nach Lachen ist.  Wir geben unserem Gegenüber die Tipps, die es gerade hören will, anstatt Tipps zu geben, die vielleicht polarisieren und im Nachhinein hilfreicher wären.

Immer und ausnahmslos bedingungslos ehrlich zu sein, das klappt einfach nicht. Aus Erfahrung weiß ich, dass es nicht immer einfach ist, wenn man die Wahrheit sagt. Warum ist das so?

Viele wollen die Wahrheit gar nicht hören.

Es gibt viele Situationen, in denen ich ehrlich war und bereits vorher wusste, dass mein Gegenüber die Wahrheit eigentlich nicht hören möchte. Und es gab und gibt auch nach wie vor viele Situationen, in denen ich die Wahrheit nicht hören möchte. Es ist mir  auch schon passiert, dass ich die Wahrheit gesagt habe und mir hinterher von meinem Gegenüber anhören konnte, dass ich mir das nur ausdenke, um mir selbst einen Vorteil zu verschaffen. Eine klassische Situation von – „hier will jemand die Wahrheit nicht wahrhaben“. Aber die Wahrheit tut manchmal eben weh.

Ich muss mir Dinge eingestehen, von denen ich bisher nichts hören oder sogar weglaufen wollte. Wer will das schon?

Aber mir wurde doch beigebracht, ehrlich zu sein? Also bin ich es relativ oft. Ich bin mir der Tatsache auch bewusst, dass das  manchmal dazu führt, dass  es mein Umfeld nicht ganz einfach mit mir hat – aber zumindest wissen alle, wo man eine ehrliche, „blanke“ Meinung zu hören bekommt. Ich werde meinen besten Freundinnen nicht sagen, wie schön ein Kleid ist, wenn ich es absolut hässlich finde. Aber auch ich bin vorsichtiger geworden damit, zu wem ich was sage.

Ehrlich sein beginnt bei uns selbst.

Als ich damit begonnen habe, bei dem ein oder anderen Problem in meinem Leben auf Ursachenforsche zu gehen, wurde mir bewusst, wie weh es tut, ehrlich zu sich selbst zu sein. Ein Thema für mich war: wenn du ehrlich zu den anderen bist, kannst du es auch zu dir selbst sein? Das ist leichter gesagt, als getan.

Wir lügen uns viel zu oft in Situationen an, in denen es  hilfreicher wäre, sie einfach anzunehmen.

Nehmen wir das Beispiel Liebeskummer: Anstatt den Kummer anzunehmen, reden wir uns ein, dass es uns „Ja eh gut geht.“ Anstatt die Gefühle raus zu lassen, die einen innerlich überfluten, spielen wir „die Starke“. Und anstatt zuzugeben, dass man gerade schwach ist, redet man sich selbst auch noch ein, dass man stark ist. Man kann doch keine Schwäche zeigen! Solche Situationen sammeln sich oft in kleinen Häufchen zusammen.

Wird dieser Haufen an „Unehrlichkeit zu sich selbst“ zu groß, kann er irgendwann zum Problem werden.

Es gibt viele verschiedene Wahrheiten.

Auf dem Weg „zur eigenen Wahrheit“ ist mir aufgefallen: es gibt viele verschiedene Wege, ehrlich zu sich selbst zu sein.

Wir können uns sagen: „Ich akzeptiere mich ab heute so wie ich bin.“ Das kann auch stimmen. Die „blanke“ Wahrheit, die nächste Stufe in diesem Fall wäre aber: „Ich liebe meine braunen, fast schon schwarzen Augen. Wenn ich lache, finde ich schaue ich ein bisschen komisch aus – aber es ist schon okay. Und ja, ich habe ein bisschen zugenommen, aber ich akzeptiere mich wirklich so, wie ich bin.“ Vor allem dann, wenn man damit anfängt ehrlich zu sich selbst zu sein, ist es notwendig, die Situationen in ihre Einzelteile zu zerlegen.

Wieso tut die Wahrheit oft weh?

An dieser Stelle gibt es ein großes Problem:

Wir verwechseln Ehrlichkeit oft damit, so zu kommunizieren, wie es in unseren Kopf gerät.

Auch mir passiert das relativ oft – wer ehrlich ist, spricht Dinge auch oft genau so aus, wie sie in den Kopf kommen. Das führt dann dazu, dass wir Angst davor haben, ehrlich zu sein – man könnte ja verletzt werden oder jemand anderen verletzten.

Wenn man mit jemandem spricht, der nicht an ehrliche Kommunikation gewöhnt ist (also beispielsweise dazu neigt, die Dinge schön zu reden, die Dinge immer freundlich, nett und lieb formuliert), könnte das ein großes Problem werden. Kommunikation ist also ein sehr wichtiger Punkt, wenn es darum geht, ehrlich zu sein.

Alles eine Frage der Kommunikation

Überlege dir, wie du etwas ehrlich ansprechen kannst, ohne jemand anderen zu verletzen. Ein Klassiker hier ist, dass wir dazu neigen, andere für ihre Fehler anzugreifen. Wir sagen „Du hast das und das falsch gemacht“, statt beispielsweise „Es wäre besser, wenn es so gemacht wird“.

Keine Vorurteile

Um ehrlich zu sein solltest du eine große Sache aus deinem Wortschatz und deiner Denkweise löschen: Vorurteile! Vorurteile sind Gift, wenn es darum geht, ehrlich zu sein. Und es sollte beinahe nichts geben, wofür du deine Freunde verurteilst – vor allem, ohne sie danach gefragt zu haben, was die Motivation hinter einer Aktion war.  Wie sonst sollen deine Freunde ehrlich zu dir sein, wenn du sie für die Dinge die sie machen, verurteilst?

Wertschätzung

Beim „ehrlich sein“ sollte die Wertschätzung auf keinen Fall auf der Strecke bleiben! Man kann auch ehrlich sein und gleichzeitig wertschätzend. Wir sollten aber auch darauf achten, dass jeder eine andere Interpretation von Wertschätzung hat.

Was haben wir davon?

Ich habe oben mein Umfeld erwähnt, dass es bestimmt nicht immer einfach mit mir hat. Umgekehrt muss ich aber sagen, dass ehrliche Kommunikation meistens bedeutet, dass dein Umfeld ebenfalls ehrlich zu dir ist. Ich lerne viele spannende Geschichten kennen!

Eine große Angewohnheit unserer Gesellschaft bleibt durch’s ehrlich sein aus: Lügen. Dinge schön reden.

Es gibt kein Lügen. Offene und ehrliche Kommunikation führt dazu, dass wir wissen, woran wir sind. Wir müssen nicht grübeln und können mit dem arbeiten, was vorhanden ist. Nur wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, können wir auch ehrlich zu den anderen sein. Und nur, wenn wir uns selbst schon viele Wahrheiten eingestanden haben wird es auch einfacher werden, die Wahrheit im Alltag erträglicher zu machen.

Die Entscheidung bleibt natürlich am Ende jedem selbst überlassen: kann ich damit leben, dass mich Personen anlügen, weil sie Angst davor haben, mich zu verletzen oder sich einen Fehler einzugestehen? Oder entscheide ich mich dazu, dass die Wahrheit keine Schande ist und dass die Personen in meinem Umfeld ehrlich zu mir sind?

Und zu guter Letzt:

Wenn du ehrlich zu deinem Umfeld bist, wird es auch ehrlich zu dir sein.