Achtsamkeit,  Mentalfutter,  Selbstfindung

Mein Corona-Update: Das perfekte Leben – Endlich Ruhe!

Als ich vor etwas mehr als einem Jahr mit meinem Blog begonnen habe, stand für mich natürlich auch die Frage am Programm: wie komme ich zu meiner Zielgruppe? Da mein Blog ein „Online-Ding“ ist, war die Frage sehr schnell beantwortet: natürlich auf Social Media! Und so, wie es sich gehört, habe ich damit begonnen, mich intensiv damit auseinander zu setzen, wie andere, erfolgreiche Profile – vor allem auf Instagram – agieren. Für mich war das relativ schnell sehr frustrierend: zum einen fehlte mir neben meinem Job und dem Studium die Zeit dafür, wertvolle Inhalte für Social Media zu produzieren, zum anderen wollte ich nie ein Leben kreieren, dass ich in echt gar nicht bin. Nichts desto trotz wollte ich mir unbedingt ansehen, wie erfolgreiche Instagram Profile funktionieren.

Das perfekte Leben:

Morgens in Ruhe frühstücken und eine Stunde Yoga. Mittags einen leichten Fitnesssalat mit angebratenen Hühnerstreifen. Abends noch eine Stunde laufen. Und dazu die Predigt: auch du, mit deinem Fulltime-Job kannst das schaffen. Beispielsweise einfach früher aufstehen.

Ääähm ja. Die große Frage die ich mir dann immer stellte: hat diese Person schon jemals in einem Vollzeit Job gearbeitet? Hat diese Person Kinder? Womit verdient diese Person ihre Brötchen? Und aber auch oft der Gedanke: Scheisse, die oder der hat ihr Leben aber echt im Griff. Ich habe es also dann tatsächlich ausprobiert: in der Früh aufstehen und mir ausreichend Zeit für das Frühstück nehmen. Eine Stunde oder zumindest eine halbe Stunde laufen in der Früh vor der Arbeit oder ein bisschen Yoga. Aber irgendwie, war das alles nicht entspannend für mich – es war total stressig! Und neben der Stunde Yoga morgens und dem selbstgemachten, frischen Salat, den ich mir Mittags im Büro an den Haaren herbei ziehen kann und dem abendlichen Lauf soll ich dann irgendwann auch noch meinen Haushalt schmeißen. Wäsche waschen, staubsaugen und so… Ich lasse jetzt mal außen vor, dass ich noch nebenbei studiere – denn auch schon „nur“ mit einem Fulltime-Job geht sich dieses PERFEKTE Leben einfach nicht aus. Aber ich muss zugeben: ich hatte eigentlich auch nie den Einblick in die andere Seite dieses perfekten Vorlebens.

Es ist an der Zeit zu sehen, wie das perfekte Leben aussehen kann

Ich hatte noch nie ausreichend Zeit verfügbar, um das Gegenteil zu beweisen. Ich konnte nie beweisen, dass ein Job oder Kinder tatsächlich ein Zeitfresser sind, wenn es um Me-Time in Form von Laufen, Kochen oder anderen Dingen geht. Weil ich als Erwachsene noch nicht erlebt habe, wie ein Leben aussieht, wenn man sich an keine fixen Zeitvorgaben halten muss. Also konnte ich auch nie sagen, dass man nur dann in Ruhe Yoga machen kann, wenn man ausreichend Zeit dafür hat.

Neben meinen zahlreichen Versuchen also Zeiten in den Alltag zu integrieren, in denen es mir gut geht, wusste ich nie so recht, ob ich nicht nur meinen Alltag als Ausrede verwende, um mich vorm Sport zu drücken. Um mich vorm kochen zu drücken, denn meine Küche ist echt klein. Um meine nächste Heißhungerattacke darauf rauszuschieben, dass ich gerade einfach zu viel Stress habe. Um mir dann vom nächsten Instagram Profil anzuhören, dass es nur mentale Stärke ist, ein Fitness-Programm und die dazu passende Ernährung durchzuziehen. Was mich unbewusst aber eigentlich schon wieder in Stress versetzt.

Corona gibt uns plötzlich ganz schön viel Zeit...

Und dann kam plötzlich der Tag, an dem es hieß: wir müssen wegen einem Virus alle zu Hause bleiben. Kein in-den-Urlaub-fahren mehr. Wenn möglich im Home-Office arbeiten. Kein shoppen. Kein Aperol trinken im Lieblingslokal. Kein Wings4life Run für mich so wie bisher jedes Jahr. Keine sozialen Kontakte mehr.

Das klingt für die meisten wie ein kleiner Horror-Film. Mir wird quasi alles verboten, was mir Spaß macht. Das Alles hat aber einen sehr positiven Nebeneffekt: ich habe endlich Zeit, für die Dinge, die mir wichtig sind. Ich bin dazu gezwungen, mich zu Fragen: wie geht es mir gut, wenn ich keine Hilfe von außen habe? Und plötzlich lässt der Druck an sehr vielen Stellen nach! Es ist nicht immer ein Druck im Alltag, aber ich merke, wie viel Zeit ich in der Vergangenheit mit unnötigen Fragen verbracht habe. Zum Beispiel, wohin wir nächsten Sommer verreisen wollen. Oder wie ich meinen Alltag aufbaue damit ich dieses eine Training doch noch unterbekomme. Druck, den Wäschehaufen abzuarbeiten, obwohl ich nach 9 Stunden arbeit eigentlich keine Lust mehr dazu habe. Druck und „Mikrostress“ ob ich wohl gut aussehe und schön bin, so wie ich bin. Ob ich dieses T-Shirt so anziehen kann oder dick darin aussehe.

Ich schminke mich aktuell beispielsweise nicht und stelle mir auch nicht die Frage, „ob ich so in die Arbeit kann“. Ich bin unabhängiger von anderen und muss mich einfach mehr auf mich selbst verlassen. Und das gefällt mir aktuell ganz gut! Und ja, bevor man sich im Home-Office einstempelt hat man die Zeit, die man sonst mit aufwendigem Schminken und dem Arbeitsweg verbringt, tatsächlich gewonnen, um sich ein schönes Frühstück herzurichten. Den Kaffee einmal nicht gestresst zu trinken, sondern endlich in Ruhe – und das, obwohl ich so lange geschlafen habe, bis ich wach geworden bin. Und einfach so mache ich in der Mittagspause eine kurze Youtube-YOGA-Einheit  – ohne, dass mich irgendjemand blöd ansieht.

Mein ganz persönlicher AHA-Moment: jetzt kehrt endlich Ruhe ein!

Wie sieht mein Tag nun aktuell aus? Ich stehe morgens auf, mache mir in Ruhe meinen Kaffee. Ich mache mir in Ruhe mein Müsli. Ich checke meine Mails (ich befinde mich seit ein paar Tagen in Bildungsteilzeit. Montag bis Mittwoch arbeite ich also und die restlichen Tage habe ich für mein Studium). Ich erledige in Ruhe meine Aufgaben. Alles bekommt eine andere Bedeutung. Dinge, die davor „eeecht wichtig“ waren, sind es plötzlich gar nicht mehr! Der Mensch lernt wieder besser zu unterscheiden, was wichtig ist und was eigentlich völlig egal ist! An den Tagen, an denen ich frei habe, räume ich den Geschirrspüler ein und stelle fest wie beruhigend es ist, einen Riesenstapel an fertiger Wäsche auf einen Fleck weg in Ruhe zusammen zu legen. Das funktioniert aber nur, weil ich davor keinen Stress hatte – die Anfangseinstellung ist einfach eine komplett andere! Der Aperol mit meinem Freund schmeckt auf dem Balkon genauso gut, wie in unserem Lieblingslokal. Ich habe genug Energie, um freiwillig laufen zu gehen. Und ich gehe einfach so laufen, ohne Druck, weil ich sowieso nicht weiß, ob heuer noch irgendein Wettkampf stattfindet. Ich fühle mich nicht gezwungen, dass ich Sport machen sollte. Ich mache Sport, weil es mir gut tut. Ich mache viele Dinge, weil sie mir gut tun und nicht weil ich muss. Ich habe keine Heißhungerattacken.

Ich habe so viel Zeit für alles. Ich habe keinen Stress. Es ist endlich Ruhe eingekehrt…

Meine ganz persönliche Seifenblase. Das hier geht nicht ewig so.

Ich stelle weiter fest: ich lebe gerade in einer Seifenblase – dessen bin ich mir aber bewusst. Das echte Leben ist nicht so und dieser Zustand wird nicht ewig anhalten – und das ist auch gut so! Es geht auch nicht allen so gut mit dieser Ausnahmesituation – zum Beispiel meinem Lieblingslokal, dass gerade ziemlich viele Probleme hat oder die vielen Personen, die durch diese Krise ihren Job verloren haben. Oder Familien mit Kindern, die eventuell E-Learning machen sollten, aber vielleicht nicht genug elektronische Geräte haben. Oder allgemein mit der Gesamtsituation überfordert sind. Oder jedem, der gerade die Familie vermisst oder traurig ist, weil man die Freunde nicht sehen kann. Auch ich bin traurig, vor allem, was die Familie betrifft. Dieser Traurigkeit möchte ich allerdings keine Macht geben – ich möchte das Positive sehen!

Was sonst soll ich selbst derzeit sonst tun, außer das Beste aus der Situation zu machen? Ja, man kann regional bestellen und somit ein wenig unterstützen. Ich kann ein „Es tut mir Leid“ für alle aussprechen, die derzeit zu kämpfen haben und hoffen, dass der Staat alle so gut wie möglich auffangt. Aber ich selbst kann derzeit nur eines machen: die Seifenblase ausnutzen, diesen Zeitraum genießen und mir dann so viel wie möglich mitnehmen in das echte Leben! Ich selbst kann nur das Beste aus der Situation machen. Und ich kann nur meine Gute Laune hernehmen und damit versuchen, andere so gut wie möglich mit zu begeistern und sie aufzumuntern. Und allen sagen: ja, dieser Zustand, dauert nicht ewig. Aber jeder kann für sich selbst die positiven Dinge daraus ziehen.

Der Kreis schließt sich nun: das ECHTE Leben ist NICHT PERFEKT!

Ich komme wieder zurück zum Beginn, an dem ich mich gefragt habe: wie machen die das alle bloß mit ihrem Yoga und dem guten Salat? Diese Antwort auf diese Frage hat mir bisher gefehlt. Und ich denke ein großer Punkt ist: Personen, die die Möglichkeit haben, ihren Alltag immer so zu gestalten, haben entweder verdammt hart geschuftet oder aus irgendwelchen anderen Gründen einfach sehr viel Zeit. Das ist auch gut so, es entspricht aber leider nicht dem, wie die meisten von uns leben. Wir sprechen hier von Zeit, die man zu einem Großteil nicht hat. Und wenn man sie sich nimmt, sind diese Zeiten vorbelastet von stressigen Situationen. Dasselbe gilt auch für die derzeitige Situation: solche Beiträge wie der hier von mir, berichten darüber, wie man das Beste aus einer Krise machen kann. Ich habe aber beispielsweise keine Ahnung, wie es tatsächlich in Familien aussieht.

Immer – und zwar egal ob jetzt gerade in Krisenzeiten oder im „Normalbetrieb“ gilt: wenn man sich jemandem zum Vorbild oder als Maßstab nimmt, der scheinbar alles perfekt in den eigenen Alltag integriert – dessen Alltag aber komplett anders ausschaut, als der eigene: kann das dann wirklich ein Maßstab sein? Muss ich mich wirklich stressen, um Sport zu machen oder mir jedes Mal ein schlechtes Gewissen einreden, wenn das mit dem Salat einmal nicht so geklappt hat? Muss ich mich als Familie hinterfragen, weil wir in dieser Krisenzeit gerade nicht so gut auskommen und die Nachbarsfamilie scheinbar alles easy cheesy schaukelt? Nein, niemand muss das. Es muss jeder mit seinen eigenen Problemen kämpfen. Wenn das „normale“ Leben wieder losgeht, will ich mir eine Lektion aber ganz besonders mitnehmen:

 

Ich möchte Routinen für mein eigenes Leben, die zu meinem Alltag und meinem Umfeld passen. Routinen, die für mich passen, unabhängig davon, ob sie für andere richtig oder falsch sind. Ich möchte weiterhin so unabhängig von den Ideologien anderer sein und bleiben, wie ich es jetzt bin. Ich möchte, dass die Ruhe zumindest im Kern hier bleibt, so wie ich sie gerade erlebe. Ich möchte mich weniger stressen, wenn sich das mit dem Yoga einmal nicht ausgegangen ist. Ich möchte mich weiterhin über die kleinen Dingen des Lebens freuen und nicht mit Dingen messen, die nicht zu meinem Leben passen.

Ich möchte dankbar sein, für alles was ich habe. Und nicht über die Dinge jammern, die gerade nicht passen. Das hilft leider keinem weiter.

Was nehme ich also aus dieser "Krise" mit?

Jede Krise hat auch ihre Chance, liest und hört man derzeit sehr oft. Und manche Dinge, die man sehr oft liest, aber nicht mehr hören kann, kann man deshalb nicht mehr hören, weil sie so wahr sind. Ja, eine Krise ist tatsächlich eine Chance. Diese Krise ist für uns alle die Chance zu sehen, wie das Leben aussieht, wenn wieder etwas Ruhe einkehrt. Wenn alles, was uns davor zu schnell geworden ist, sich wieder einpendelt. Eine Chance zu sehen, dass jeder auch in seinem eigenen Garten ganz glücklich sein kann. Dass es egal ist, welche Reisen Nachbarn, Freunde und Kollegen machen, solange man mit den Reisen die man selbst macht (oder eben nicht und einfach zu Hause bleibt), glücklich ist. Dass es egal ist, wie fit andere sind, solange ich mich in meinem Körper wohl fühle. Es ist alles egal, solange ich mit meinem eigenen Leben zufrieden bin. Solange es allen gut geht, die mir wichtig sind.

Abschließend möchte ich sagen – und ich hoffe, dass gilt auch für dich:

Ein ECHTES Leben ist NICHT PERFEKT. Und ein PERFEKTES Leben ist NICHT ECHT. Aber lebe dein ECHTES Leben so, dass es für DICH PERFEKT ist!

 

PS: ich habe lange überlegt, ob ich meine Mentalfutter-Pause wirklich unterbrechen soll. Ich habe auch überlegt, ob ich diese Krise als Chance nutzen soll, um die Reichweite für meinen Blog zu steigern – mich aber dagegen entschieden. Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt, um auf irgenwelche Dinge aus zu sein. Diese Worte hier sind mir allerdings wirklich im Magen gelegen – ich musste sie einfach loswerden, bevor ich weiter an meiner Masterarbeit feile. Mentalfutter kommt dann im Sommer/Herbst wieder zurück – so wie alles momentan, ist auch bei mir der genaue Zeitpunkt noch nicht sicher 🙂

Bleibt auf jeden Fall gesund, macht das Beste draus & bis dann!  

Eure Becci

One Comment

  • Julia

    Ich möchte bitte auch nicht aus meiner Seifenblase raus. Ich finde diesen „leichteren“ Lebensstil gerade sehr angenehm und hoffe, dass ich etwas mehr Gelassenheit mit in die „echte“ Welt nehmen kann.

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